Strumpf-Geschichten

15. Mai

Ganz genau weiß es niemand, wann eigentlich die erste Frau den ersten Strumpf anzog. Ja, bis ins 16. Jahrhundert hinein war sogar aus öffentlich zugänglichen Quellen kaum erkennbar, ob Frauen überhaupt Beine hatten. Sie liefen ausschließlich in langen Kleidern oder Röcken herum und die bildlichen Darstellungen hielten sich strikt an diese Vorgabe.

Charles Panati, der in seiner „Universalgeschichte der ganz gewöhnlichen Dinge“ unter anderem auch die Geschichte des Damenstrumpfes recherchierte, zitiert den Botschafter ihrer katholischen Majestät, der Königin von Spanien, der empört ein Gastgeschenk, ein paar Strümpfe, zurückweist: „Packt Eure Strümpfe wieder ein! Und nehmt zur Kenntnis, Ihr Tölpel, dass die Königin von Spanien keine Beine hat.“

„Strumpfologe“ Panati fand außerdem heraus, dass eine der ganz großen Ausnahmen von der Regel „Beinlichkeiten“ nicht aller Öffentlichkeit zur Schau zu stellen erstmals im Jahr 1306 in Britannien kursierte und für einige Aufregung sorgte. Es war eine von einem unbekannten Autor erstellte Handschrift, die eine adlige Dame zeigte, wie sie sich während der morgendlichen Toilette von einer Dienerin einen Strumpf reichen läßt.

Es war wieder einmal die englische Königin Elizabeth I., die für den Durchbruch in Sachen Damenstrumpfmode sorgte. 28 Jahre alt war die junge Königin, saß erst seit gut zwei Jahren auf dem Thron Britanniens, als sie ein paar Seidenstrümpfe geschenkt bekam, die sie so entzückend fand, dass sie gleich ein paar Dutzend in Auftrag gab.

Dieser allerhöchste majestätische Segen ließ dann auch die Erfinder nicht ruhen. Während Elizabeth ihre Widersacherin Maria Stuart hinrichten ließ (1587) und ihr großer Admiral Sir Francis Drake die spanische Armada auf den Grund des Meeres schickte (1588) tüfftelte ein gewisser Reverend William Lee an einem Strumpfwirkstuhl. Und er schaffte es. Das Jahr 1589 gilt als das Geburtsjahr der Strumpfindustrie.

Reverend Lees Erfindung hatte allerdings eine Schwachstelle. Da die Strümpfe „auf einer Maschine gestrickt wurden, aus einem einzigen Faden in einer Reihe zusammenhängender Schlingen“, führte der kleinste Riss oder Schnitt zum Desaster, dem Strümpfe-GAU, der Laufmasche. Über all die folgenden Jahrhunderte hinweg fiel buchstäblich niemandem ein, wie man dieses Problems Herr werden könnte.

Erst am 3. April 1926 stellte eine englische Firma einen Strumpf vor, der nun endlich die Laufmasche zumindest stoppen sollte. Dass man sich dabei eines französischen Patents bediente, ist schon ein wenig erstaunlich, denn die Idee ist denkbar einfach. Der Strumpfrand wurde verstärkt und so die Laufmasche aufgehalten.

Um so spektakulärer war die Ankündigung des 1802 gegründeten amerikanischen Chemieunternehmens DuPont, man habe Damenstrümpfe erfunden, die praktisch ewig halten würden. Dies stellte sich in der Praxis als unhaltbare Behauptung heraus, aber es sorgte für soviel Aufregung, dass selbst ein neues Harry-Potter-Buch Mühe gehabt hätte, mitzuhalten.
Das Zauberwort hieß „Nylon“, ungeheuer elastisch, praktisch reißfest, einfach ideal. Es war die erste 100prozentige Synthetikfaser

DuPont erklärte den 15. Mai 1940 zum „Nylon-Tag“. Vor diesem Tag war es strikt untersagt, die neuen Wunderstrümpfe zu tragen oder gar zu verkaufen. In den USA lief eine gigantische Werbekampagne an, die alles bisher dagewesene weit in den Schatten stellte.
Sie löste geradezu eine Massenhysterie aus mit kreischenden Frauen, die ungeduldig und stundenlang vor den Warenhäusern darauf warteten, dass endlich die Türen geöffnet wurden.

Dann am frühen Morgen des 15.Mai 1940 wurden die Strumpfabteilungen der Warenhäuser und die Wäschegeschäfte gestürmt. Du Pont hatte es für eine gute Idee gehalten, nicht mehr als 36 Millionen Paar Nylons im Jahr 1940 zu produzieren. Sie wurden restlos verkauft.

Gleichzeitig mit den Amerikanern hatte übrigens der deutsche Chemiker Paul Schlack eine ebenso reiß- und scheuerfeste Kunstfaser entwickelt und diese dem Konzern IG Farben in Landsberg an der Warthe übergeben. Ihr Name: Perlon. 1943 lief die Produktion an. Zu diesem Zeitpunkt befanden sich die USA bereits im Krieg mit Deutschland, so dass wirklich niemand auf die Idee kommen kann, das eine hätte mit dem anderen auch nur das Geringste zu tun.

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